Endodontie in distaler Reichweite

Standardmäßig erfolgt zu Beginn einer Wurzelkanalbehandlung die Isolierung des Zahnes mittels Kofferdam, die Präparation der Zugangskavität sowie die Bestimmung der Arbeitslänge mithilfe eines hochmodernen Endometriegeräts. Nicht alle Wurzelkanäle weisen jedoch eine einheitliche Anatomie auf: Ein stark gekrümmter Verlauf mit versteckten Seitenkanälen oder horizontal verlaufenden Lateralkanälen stellt selbst versierte Endo-Spezialisten vor eine echte Herausforderung. In besonders kniffligen Fällen verkomplizieren eine distale Lage oder cranio-mandibuläre Probleme die Ausgangslage zusätzlich. Die moderne Endodontie gibt dem Zahnarzt mit ihren cleveren Arbeitshilfen und Dentalmaterialien eine Reihe praktischer Instrumente für die effektive und zuverlässige Wurzelkanalbehandlung an die Hand – zur großen Erleichterung von Endo-Experten. Denn einige Fälle verlangen ein spezielles Vorgehen und manchmal scheinen die Dinge “distal gesehen” völlig anders…

Nekrose in s-förmigem Kanal

In Fall 1 wurde ein 23-jähriger Schmerzpatient mit Beschwerden im linken Unterkiefer an unsere Praxis überwiesen. Das Röntgenbild zeigte eine tiefgehende Karies, die bereits Richtung Pulpakammer ausstrahlte. Klinische Untersuchungen bestätigten die Diagnose einer irreversiblen Pulpitis mit akuter Wurzelspitzenentzündung (Abb. 1). Die weitere Begutachtung der Röntgenaufnahme ließ schließlich die komplexe Anatomie der mesialen Wurzeln von Zahn 8 erahnen: das Kanalsystem verlief beinah s-förmig, wodurch der jeweilige Apex nur äußerst schwer erreichbar war. Zusätzlich zu der auffälligen Krümmung in mesiodistaler Richtung wurde während der Handinstrumentierung eine starke Krümmung der mesialen Wurzeln in faziolingualer Richtung entdeckt. Die komplizierte Kanalanatomie selbst stellte jedoch nicht den einzigen limitierenden Faktor dar: das Arbeitsfeld wurde außerdem durch einen ausgeprägten Distalbiss des Patienten verkleinert – eine mehr als unglückliche Kombination in Verbindung mit der ohnehin distalen Lage des betroffenen Zahnes.

Der ungenügende interokklusale Zwischenraum ließ nicht zu, eine handelsübliche 21 mm lange rotierende NiTi-Feile in den Kanal einzuführen. Aus diesem Grund kam ein besonderes NiTi-Feilensystem des Schweizer Dentalspezialisten COLTENE zum Einsatz. Bei der HyFlex EDM handelt es sich um ein modular aufgebautes Nickel-Titan-Feilensystem: In enger Zusammenarbeit mit führenden Universitäten und internationalen Endo-Spezialisten entwickelte die renommierte Forschungsabteilung des Unternehmens ein extrem anpassungsfähiges Konzept, welches den unterschiedlichsten Anforderungen gerecht wird. Die Abkürzung “EDM” steht dabei für ein spezielles Herstellungsverfahren namens “Electrical Discharge Machining”, welches eine einzigartige Struktur schafft (Abb. 2). Per Funkenerosion wird eine gehärtete Oberfläche erzeugt. Dadurch erhöht sich die Schneidleistung der Feile deutlich, wie bei einem Brotmesser mit Wellenschliff. Aufgrund dieser einzigartigen Materialeigenschaften ist die Feile besonders bruchsicher und prädestiniert für Zahnärzte, die mit einer reduzierten Sequenz schnell verlässliche Ergebnisse realisieren möchten.

Im vorliegenden Fall profitierten wir vor allem vom sogenannten “Controlled Memory”-Effekt (“CM”): ähnlich wie klassische Edelstahl-Feilen lassen sich Feilen der HyFlex-Serie vorbiegen und erleichtern somit entschieden die Arbeit an distalen Molaren (Abb. 3, 4). Gleichzeitig weisen sie im Gegensatz zu klassischen NiTi-Feilen fast keinen Rückstelleffekt auf, wodurch sich die Feile optimal im Kanalzentrum bewegt. Beim Autoklavieren können wiederverwendbare Feilen mit “CM”-Behandlung wieder ihre ursprüngliche Form annehmen, wenn sie nicht endgültig plastisch verformt wurden. In der speziellen Situation des beschriebenen Patientenfalls waren die vorbiegbaren EDM-Feilen die einzigen Instrumente, die in dem engen Arbeitsfeld verwendet werden konnten. Interessanterweise passte sogar eine EDM-Feile mit 25 mm Länge in den Kanal, wo zuvor eine klassische rotierende NiTi-Feile mit nur 21 mm Länge gescheitert war.

Zur Schaffung eines mechanischen Gleitpfads wurden alle mesiobukkalen und mesiolingualen Kanäle mit Handinstrumenten bis zur Größe 15 aufbereitet. Nach Eröffnung der Pulpakammer wurde sämtliches pulpales Gewebe entfernt und die Kanaldurchgängigkeit eingehend geprüft. Für die eigentliche Aufbereitung genügte der alleinige Einsatz einer universellen EDM-Feile in ISO-Größe 25 völlig (Abb. 5). Mit der flexiblen Feile konnten die mesialen Kanäle bis zu einer Arbeitslänge von 22 mm instrumentiert werden. Durch den fehlenden Rückstelleffekt ließ sich entspannt mit der Feile arbeiten, bei der Längenmessung passte ein Handinstrument Größe 30 bequem in den distalen Kanal. Im Anschluss wurde das apikale Drittel der beiden distalen Kanäle mit einer 04/40-Feile erweitert. Entscheidend für den Behandlungserfolg war ferner, dass zwischen jedem Instrumentenwechsel gründlich mit Natriumhypochlorit gespült wurde. Am Ende der Aufbereitung erfolgte das übliche Spülprotokoll mit NaOCI, EDTA und CHX unter Ultraschallaktivierung. Mithilfe einer endodontischen Absaugkanüle wurden die Kanäle getrocknet, gefolgt von der abschließenden Trocknung mit entsprechenden Papierspitzen. Zu guter Letzt wurden die Wurzelkanäle in der traditionellen, vertikalen Kondensationstechnik mit warmer Guttapercha obturiert (Abb. 6). Der Pulpaboden wurde mit einer Schicht Glasionomer, einem Schaumstoffpellet (als Abstandshalter) und einem dualhärtenden, auf Zinkoxid/Zinksulfat basierenden Füllungsmaterial temporär versiegelt. Nach finaler Röntgenkontrolle und erfolgreicher Endo wurde der Patient zur endgültigen Restauration des Zahnes an seinen Hauszahnarzt zurück überwiesen (Abb. 7).

Abrupte Kanalkrümmung

Fall 2 erwies sich als nicht minder spektakulär: eine 24-jährige Patientin betrat unsere Überweisungspraxis mit einer Pulpanekrose, ebenfalls in Zahn 8 im linken Unterkiefer. Auch hier war der Zugang stark eingeschränkt und die distale Lage des Zahnes bot nur sehr beschränkt Platz zur Instrumentierung. Der Kanalverlauf war extrem gekrümmt mit deutlicher Dilazeration (Fig. 8). Nach dem Beratungsgespräch stimmte die Patientin einer Wurzelkanalbehandlung zu. Nach Anlegen des Kofferdams wurde der Kanal mit einem Rundkopf-Diamantbohrer eröffnet. Zur besseren Identifikation möglicher Risse wurde die alte Kompositfüllung entfernt. Da das Dentin noch intakt schien, folgte die Aufbereitung des Kanals.

Zur Schaffung des passenden Gleitpfads wurden erneut alle Kanäle mit Handinstrumenten bis zur Größe 15 präpariert. Alle Feilen der eingesetzten Sequenz wurden entsprechend vorgebogen, von der HyFlex EDM 05/10 bis zur Universalfeile Größe 25, die mit leicht tupfenden Auf- und Abbewegungen geführt wurde (Abb. 9). Sorgfältiges Spülen befreite den Kanal von verbleibenden Dentinspänen und sämtlichem nekrotischem Gewebe. Die Längenmessung zeigte genügend Raum für ein Handinstrument der Größe 30, was eine ausreichende, apikale Erweiterung garantierte. Folglich wurden die distalen Kanäle mit einer HyFlex EDM 04/40 Finishing File aufbereitet. Aufgrund der abrupten Kanalkrümmung wurden die mesialen Kanäle hingegen mit einer klassischen HyFlex CM 04/35 geformt.

Nach gründlicher Spülung mit NaOCI, EDTA und CHX unter Ultraschallaktivierung wurden die Kanäle getrocknet und mit der vertikalen Kondensationstechnik obturiert. Dank des Einsatzes der flexiblen, bruchsicheren Feile konnten die Kanäle schnell und effektiv ausgeformt werden. Der Zugang wurde wie in Fall 1 versiegelt (siehe Abb. 10, 11). Ohne vorbiegbare NiTi-Feilen wäre eine endodontische Behandlung des betroffenen Zahnes schier undenkbar gewesen.

Finishing Files Größe 60

Im dritten Fall wurde eine 37-jährige Patientin mit Pulpanekrose im oberen rechten Schneidezahn und einer deutlich sichtbaren vestibulären Schwellung vorstellig (Abb. 12). Die Eröffnung der Pulpakammer erfolgte mit einem FG-Bohrer Größe 2 mit chirurgischer Länge. Nach Erreichen der Arbeitslänge wurde der Kanal mit Handinstrumenten bis Größe 15 präpariert. Zudem wurde mithilfe des HyFlex EDM Orifice Opener 12/25 koronal erweitert (Abb. 13). Die Längenmessung ergab genügend Raum für ein Handinstrument Größe 50. Da der Kanal koronal bereits recht groß war, wurden nun mit einer HyFlex EDM Finishing File 02/60 die unteren Kanalabschnitte aufbereitet und apikal erweitert. Selbst die größere 60er-Feile bewies im vorliegenden Fall ihre erstaunliche Bruchfestigkeit (Abb. 14). Der Kanal wurde mit Natriumhypochlorit gespült und anschließend getrocknet, bevor Kalziumhydroxid appliziert wurde und der Kanal mit einer temporären Restauration versiegelt wurde. Es folgte die Inzision und Trockenlegung der vestibulären Schwellung. Beim Recall-Termin nach drei Wochen war die Schwellung vollständig abgeklungen. Das Wurzelkanalsystem wurde gespült, obturiert und analog zu den oben beschriebenen Fällen versiegelt. Die weitere Nachkontrolle erfolgte durch den behandelnden Hauszahnarzt (Abb. 15). Dank des Einsatzes der HyFlex EDM-Serie konnte der komplette endodontische Eingriff mit nur zwei rotierenden Instrumenten durchgeführt werden. Das effektive System erlaubte es ferner, koronal konservativ zu eröffnen und dabei trotzdem gleichzeitig apikal zu erweitern. Mit dem richtigen Equipment können Einsteiger wie Endo-Experten somit innerhalb kürzester Zeit überzeugende Ergebnisse schaffen, ohne Zugeständnisse an die natürliche Kanalanatomie machen zu müssen.

Fazit

Modular konzipierte NiTi-Feilensysteme demonstrieren ihre volle Flexibilität in stark gekrümmten oder schwer zugänglichen Wurzelkanälen. Selbst in kniffligen Situationen ermöglichen flexible, vorbiegbare Feilen wie die HyFlex EDM oder HyFlex CM schnelles und sicheres Arbeiten. Je nach Indikation wählt der Endo-Spezialist zwischen einer schnellen Aufbereitung mit wenigen Feilen oder der hochpräzisen Kanalausformung mit der cleveren Kombination mehrerer Spezialfeilen. Dank ihrem intuitiven Handling können selbst Endo-Einsteiger mit der neuen Generation von NiTi-Feilen rasch verlässliche Ergebnisse kreieren – sogar “in distalen Entfernungen” mit dem Bedarf an ungewöhnlicher Reichweite. DB

Auf der Straße nach Süden

Fall 1: Immer gerade aus

Eine 48-jährige Patientin wurde mit Beschwerden im linken Oberkiefer vorstellig, die vermehrt beim Kauen auftraten. Als Ursache wurde eine Pulpanekrose in Zahn 24 identifiziert. Das präoperative Röntgenbild zeigte eine tiefgehende Karies in Kombination mit einer mittelschweren periapikalen Läsion (Abb. 1). Die Anordnung der Wurzelkanäle war nahezu parallel und wies keinerlei auffällige Krümmungen auf. Eine schnelle Aufbereitung mit reduzierter Feilenanzahl sollte daher ohne Weiteres möglich sein, zumal keinerlei Kontraindikation bestand, die gegen eine Behandlung gesprochen hätte.

Zur Schaffung eines trockenen und sauberen Arbeitsfeldes wurde als erstes Kofferdam zur Isolation von Zahn 24 angelegt. Die Hauptkanäle wurden ferner mithilfe verschiedener Handfeilen bis ISO-Größe 10 aufbereitet, um einen Gleitpfad für die eigentliche Aufbereitung zu präparieren.

In der Regel verwenden wir in unserer Endopraxis zur Aufbereitung die neueste Generation von Nickel-Titan-Feilen des Schweizer Dentalspezialisten COLTENE. Wie der Name bereits sagt, handelt es sich bei der HyFlex EDM um eine “hochgradig flexible” NiTi-Feile, die über eine außergewöhnlich hohe Bruchfestigkeit verfügt. In enger Zusammenarbeit mit führenden Universitäten und internationalen Endo-Experten entwickelte die Forschungsabteilung des innovativen Endoanbieters eine buchstäblich “prägnante” Lösung für ihre Instrumente. Bei der Entwicklung eines neuartigen, leistungsstarken Werkzeugs übertrugen sie kurzerhand eine aus anderen Industriezweigen wohlbekannte Idee auf das Anwendungsgebiet der Zahnheilkunde: Die Abkürzung “EDM” steht für ein besonderes Herstellungsverfahren, dem “Electrical Discharge Machining”. Dabei wird mittels Funkenerosionstechnik eine besondere Oberflächenstruktur geschaffen, welche die Schneidleistung der Feile signifikant verbessert. Vergleichbar ist die Veredelungstechnik mit dem Wellenschliff eines Küchenmessers, mit dem man Brotscheiben für Bruschetta abschneidet (Abb. 2). Aufgrund seiner einzigartigen Materialeigenschaften ist die Feile außerordentlich bruchsicher und prädestiniert für Zahnärzte, die mit einer reduzierten Feilenanzahl schnell verlässliche Ergebnisse erzielen möchten.

Im vorliegenden Fall ließen sich die Wurzelkanäle mithilfe der HyFlex EDM im Handumdrehen aufbereiten. Der erste Zugang erfolgte mit dem HyFlex EDM 25/.12 Orifice Opener (Abb. 3). Für die eigentliche Aufbereitung wurde dann lediglich eine Universalfeile benötigt, was wertvolle Behandlungszeit sparte: Zur schnellen und gründlichen Aufbereitung kam eine Feile Größe 25 mit variablem Taper in der Single Length-Technik zum Einsatz (Abb. 4). Die Ausformung des Kanals dauerte nur wenige Minuten und die Feile ließ sich bequem in leicht tupfenden Bewegungen durch den Kanal führen. Selbst bei größerer Druckausübung schraubte sich die Feile nicht im Dentin fest, wodurch eine Verblockung effektiv vermieden wurde.

Zur optimalen chemo-mechanischen Reinigung wurden die Kanäle im Anschluss mehrfach für insgesamt mindestens eine halbe Stunde gespült. Dem klassischen Spülprotokoll folgend kamen im Kanal erwärmtes Natriumhypochlorit (nach der Iandolo-Technik), 17-prozentige EDTA Lösung sowie zweiprozentige Chlorhexidindigluconatlösung zum Einsatz, um sämtliche Debris sowie potentielle Reizstoffe aus dem Kanal zu schwemmen. Nach Beseitigung der Infektion wurde der Kanal mit passenden Papierspitzen Größe 25 getrocknet. Zu guter Letzt wurde eine dauerhafte Versiegelung zur Vermeidung von Rekontaminierung geschaffen, welche das Eindringen von Mikroorganismen langfristig verhindern soll. Zur zuverlässigen Füllung sämtlicher Lateralkanäle und Verzweigungen wurde in einer Spezialtechnik, die in Fall 2 noch eingehend erläutert wird, ein bioaktives 3-in-1-Obturationsmaterial appliziert. Die postoperative Röntgenaufnahme zeigte vor allem einen sicher obturierten Lateralkanal im apikalen Drittel sowie einen Isthmus zwischen den Hauptkanälen, der ebenfalls zuverlässig abgefüllt wurde (Abb. 5). Das Ergebnis war eine dichte, langanhaltende Versiegelung des gesamten Wurzelkanalsystems, wie die abschließende Röntgenkontrolle eindrucksvoll bewies (Abb. 6).

Fall 2: 3D-Obturationstechnik

In unserem zweiten Fall wurde eine 65-jährige Patientin mit ausgeprägter Schmerzsymptomatik im rechten Unterkiefer an unsere Praxis überwiesen. Dem Röntgenbild zufolge wiesen gleich zwei Zähne unterschiedliche Defekte auf: Bei Zahn 45 lag eine periapikale Läsion in Folge einer insuffizienten Wurzelkanalbehandlung vor, beim benachbarten Molar war eine tiefgehende Restauration sichtbar. An Zahn 46 wurde folglich eine Pulpanekrose diagnostiziert (Abb. 7). Erneut ließen sich die Kanäle durch den Einsatz der HyFlex EDM effektiv ausformen, ohne dabei eine Kanalverlagerung zu riskieren. Nach der Eröffnung des Zugangs mithilfe des Orifice Openers drangen wir mithilfe der HyFlex One File zügig zum Apex vor. Die Feinarbeit leistete schließlich eine HyFlex EDM Feile 40/.04.

Die Obturation aller seitlichen Ausgänge erwies sich in Fall 2 als besonders knifflig. Aus diesem Grund wurde die sogenannte modifizierte 3D-Obturationstechnik mit GuttaFlow bioseal eingesetzt. Das 3-in-1-Obturationsmaterial kombiniert bei Zimmertemperatur fließfähige Guttapercha mit entsprechendem Sealer und Biokeramik in einer praktischen Automix-Spritze (Abb. 8). Das Ergebnis ist ein unkompliziertes, schnell fließendes Füllungsmaterial mit Aushärtungszeiten von zehn bis fünfzehn Minuten. Die 3D-Obturationstechnik ist dabei eine äußerst effektive Art, selbst komplexe Wurzelkanalstrukturen zuverlässig abzufüllen.

Zunächst erwärmt man Guttapercha in einem System B Wärmegerät. Die Temperatur wird zu diesem Zweck von regulär 200 Grad Celsius auf 130 Grad reduziert, was in diesem Fall vollkommen ausreicht. Die Penetrationstiefe beträgt lediglich vier Millimeter der gesamten Arbeitslänge bei drei anstatt der üblichen fünf Sekunden mit dem Wärmeträger. Auf diese Weise härtet das GuttaFlow nicht aus, sondern behält eine zähflüssige Konsistenz. Dadurch lässt es sich weiter mit einem Plugger in den Kanal drücken, sofern überhaupt notwendig: Mit der von uns entwickelten Technik muss das Guttapercha selbst nämlich gar nicht in die Nebenkanäle vordringen, da der biokeramische Sealer ohnehin automatisch in etwaige versteckte Lateralkanäle fließt. Frühere in vitro-Tests belegen, dass der Sealer bei der modifizierten Obturationstechnik im Vergleich zur traditionellen Single Cone-Technik deutlich tiefer in die Lateralkanäle eindringt (Abb. 9). Durch die rasche Einführung des Obturationsmaterials wird zudem deutlich mehr Druck erzeugt. Somit muss die gewünschte Arbeitslänge nicht auf Anhieb erreicht werden, sondern kann mit einem weiteren Stoß realisiert werden. Trotz der weniger starken Erhitzung härtet der Sealer dank schneller Applikation lediglich zwei Minuten früher aus als normalerweise. Bei der 3D-Obturation überlässt der Behandler einfach dem Sealer die Arbeit in Bereichen, die sonst nur schwer zugänglich wären. Durch die zähflüssige Guttapercha wird der Sealer zusätzlich von oben weiter in den Kanal gepresst.

In der Röntgenkontrolle zeichnete eine feine weiße Linie den Verlauf des obturierten Lateralkanals in Zahn 45 nach, welcher deutlich erkennbar vom Hauptkanal abzweigte (Abb. 10). Beim Kontrolltermin vier Monate später hatte bereits ein sichtbarer Heilungsprozess in den betroffenen Zähnen 45 und 46 stattgefunden. Die bioaktiven Komponenten des Obturationsmaterials trugen maßgeblich zum Regenerierungsprozess bei, indem sie den Wiederaufbau von Knochen- und Dentingewebe zusätzlich förderte – ein willkommener Nebeneffekt neben dem eigentlichen Abdichten des Kanaleingangs (Abb. 11).

Fall 3: Ausgeprägte Doppelkurve zum krönenden Abschluss

Zu guter Letzt kommen wir doch noch zum eingangs erwähnten, berüchtigten S-förmigen Kanalverlauf. Bei stark gekrümmten Kanälen ist es beruhigend zu wissen, dass sich NiTi-Feilen mit dem sogenannten “Controlled Memory”-Effekt ähnlich klassischer Edelstahlfeilen vorbiegen lassen, jedoch fast keinen Rückstelleffekt aufweisen. Diese einzigartigen Materialeigenschaften garantieren vergleichsweise stressfreies Arbeiten selbst in schwierigen Situationen.

Dieses Mal handelte es sich bei dem Patienten mit der herausfordernden Kanalanatomie um eine 40-jährige Frau mit Beschwerden im rechten Unterkiefer. Nach kurzer Analyse lautete die klinische Diagnose: irreversible Pulpitis in Zahn 47. Der Röntgenaufnahme zufolge galt es ferner, eine ziemlich scharfe Kurve im mesialen Kanal zu überwinden (Abb. 12): Endo-Experten wissen, dass besonders die hinteren Molaren berüchtigt für gewundene Wurzelkanalverläufe sind!

Um schnell auf Arbeitslänge zu kommen, ohne eine Kanalbegradigung zu riskieren, wurde folgende Feilensequenz verwendet: HyFlex EDM 25/.12, 10/.05 sowie die oben genannte Universalfeile HyFlex EDM One File 25/~ (Abb. 13, 4, 14). Die flexiblen Feilen lassen sich selbst durch knifflige anatomische Formen mühelos hindurchführen und bestechen durch ihre hohe Bruchfestigkeit. Zudem bewegen sie sich absolut sicher im Kanalzentrum: Während meiner unzähligen endodontischen Behandlungen ist mir bislang keine einzige Perforation oder grobe Stufe untergekommen. Nach dem Gebrauch kann die Formanpassung von „CM“-behandelten NiTi-Feilen durch Wärmeeinwirkung beim Autoklavieren komplett revidiert werden. Solange sie nicht plastisch deformiert wurden, nehmen HyFlex-Feilen während der Sterilisation ihre ursprüngliche Form wieder an. Somit können sie sicher wiederverwendet werden und müssen nur entsorgt werden, wenn sie sichtlich verbogen wurden.

Nach der Trocknung und erfolgreichen Obturation des Kanals konnte die Patientin mit einer vielversprechenden Prognose entlassen werden. Die Abschlusskontrolle zeigte einen natürlich verlaufenden, obturierten Mesialkanal mit seiner charakteristischen Doppelkrümmung am unteren Ende (Abb. 15). Selbst in schwierigeren Fällen wie dem vorliegenden sind wir froh, uns auf die ausgesprochene Flexibilität der jüngsten Generation rotierender Instrumente verlassen zu können.

Fazit

Dank ihres flexiblen Designs und ihrer ungewöhnlich hohen Schneidleistung passen sich moderne Nickel-Titan-Feilen problemlos an alle erdenklichen Wurzelkanalverläufe an. Egal, welcher Weg zum Apex eingeschlagen werden muss, vorbiegbare NiTi-Feilen wie die HyFlex EDM erlauben eine schnelle Entfernung von Debris für die anschließende chemische Aufbereitung sowie die langfristige Versiegelung verschiedenster Wurzelkanalstrukturen. Gleichzeitig helfen sie dem Behandler, den Kanalverlauf möglichst naturgetreu beizubehalten. Die extrem bruchsicheren Feilen gehören buchstäblich zur neuesten “Spitzen”-Technologie und stellen damit den idealen Reisebegleiter auf quasi allen Wegen dar.

Zum Autor

Dr. Alfredo Iandolo wurde 2006 die zahnmedizinische Doktorwürde von der Universität Neapel Federico II verliehen. Als Professor A.C. hielt er bis 2014 weiterhin endodontische Kurse an seiner Heimatuniversität ab. Iandolo ist zertifiziertes Mitglied der ESE (European Society of Endodontics) sowie aktives Mitglied verschiedener italienischer Medizinerverbände wie der SIE (Società Italiana di Endodonzia) und der AIOM (Associazione Italiana di Oncologia Medica). Der Gewinner des renommierten “Riitano Award” 2016 für den besten endodontischen Forschungsbeitrag ist regelmäßiger Gastreferent auf nationalen wie internationalen Fachkongressen. Der Erfinder der Iandolo Gauging-Feile (IG-Feile) sowie eines neuen Spülaktivierungsprogramms publiziert darüber hinaus weltweit regelmäßige Fachbeiträge.

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