„Wir müssen den Patienten besser aufklären“

Interview mit Dr. Torsten Pfitzer

Die Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist heute weit verbreitet. Im Gespräch mit Stefanie Ullmann spricht Dr. Torsten Pfitzer über die Krankheit und erzählt, was alles noch getan werden muss.

Herr Dr. Pfitzer, die craniomandibuläre Dysfunktion gilt mittlerweile als Volkskrankheit. Woran liegt es, dass die Erkrankung heutzutage so häufig auftritt?

Dr. Torsten Pfitzer Die CMD ist letzten Endes eine Zivilisationskrankheit. Und wie bei jeder Zivilisationskrankheit gilt: je schnelllebiger, technologisierter, mechanischer und unbewusster unsere Welt wird, desto stärker kommen diese Erkrankungen in den Vordergrund. Unsere Gesundheit ist eben sehr stark abhängig von unserem modernen oder auch überzivilisierten Lebensstil.

Ein großer Teil ist sicherlich dem vermehrten Stresspegel geschuldet – besonders bei CMD – und den können wir heutzutage kaum noch vermeiden. Dadurch ist unser Nervensystem überlastet und es kommt zu muskulären Anspannungen, was wiederum die CMD begünstigt. Darunter fallen nicht nur der volle Terminkalender und die zig Aufgaben, die wir parallel ausführen, sondern auch so etwas wie Lärm. Viele kennen wahrscheinlich das wohltuende Gefühl, wenn nach einer Weile lauten Laubbläsers wieder Ruhe einkehrt. Den gleichen Effekt, nur etwas subtiler, hat der ständige Stadtlärm auf uns. Die meisten leiden heutzutage an Schlafmangel oder Schlafstörrungen, auch dadurch kann die CMD verstärkt auftreten, weil der Körper sich nicht mehr so gut regenerieren kann. Gleichzeitig bewegen wir uns immer weniger. Die Muskel-Faszien-Ketten, die den ganzen Körper durchziehen, verbringen viel Zeit in unbewegten, einseitigen Positionen, die wir fast den ganzen Tag über einnehmen, etwa wenn wir im Büro sitzen. Diese Haltungen haben auch einen großen Einfluss auf die muskuläre Anspannung in Nacken- und Kiefermuskulatur.

Hinzu kommt unsere Ernährung, die sich sehr stark verändert hat im Vergleich zu früher. Sie ist viel unnatürlicher geworden. Die Giftstoffe, die wir in der Nahrung aufnehmen, werden häufig im Muskel- und Fasziengewebe abgelagert. In der Folge kommt es zu Verklebungen, verstärkten Spannungen und Verhärtungen. Diese schränken den Stoffwechsel und die Gleitfähigkeit der Muskelfasern ein, verursachen Schmerzen und führen ebenfalls zu Verspannungen. Gleiches gilt selbstverständlich auch für andere Umweltgifte beispielsweise aus der Luft. Nicht mehr von der Hand zu weisen ist mittlerweile auch die Strahlungssituation. Diese ist wichtiger als wir es oft wahrnehmen. Viele Leute halten ihr Handy zum Beispiel direkt ans Ohr neben Kiefergelenk und Kiefermuskulatur. Wir wissen bereits, dass unsere Zellen auf diese Frequenzen reagieren. In unserer heutigen Lebensweise steckt also ein riesiges Potential zur Entwicklung einer CMD – und Krankheiten allgemein. Das Gute daran ist, dass genau darin auch die Lösung zu finden ist.

Sie arbeiten als ganzheitlicher Schmerztherapeut und Gesundheitscoach in München. Mit welchen Symptomen kommen CMD-Patienten zu Ihnen?

Dr. Torsten Pfitzer Da ich auf ganzheitliche Rückengesundheit spezialisiert bin, kommen die meisten Menschen mit Nacken-, Rücken-, Hüft-, Gesäß- und Ischiasschmerzen zu mir. Das sind dann schon eher Spätfolgen einer absteigenden CMD, falls diese schon vorlag. Oder sie hat sich aufsteigend entwickelt durch zu langes Abwarten. Direkte Auswirkungen am Kiefer, sprich Zähneknirschen, unerklärliche Zahnschmerzen, Schmerzen in der Kaumuskulatur oder Knacken im Kiefergelenk haben nach meiner Erfahrung ohnehin circa 80 Prozent der Schmerzpatienten. Es spielt eben alles zusammen. Ansonsten sind die Leiden der CMD vielfältig: Kopfschmerzen stehen im Vordergrund, aber auch ein Tinnitus und Abgeschlagenheit sind durchaus häufig. Seltener kommen Schwindel, Augenprobleme oder Taubheitsgefühle in den Armen vor.

Wie wichtig ist bei der Behandlung der craniomandibulären Dysfunktion die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den zahnärztlichen Kollegen?

Dr. Torsten Pfitzer Die disziplinübergreifende Anamnese und Behandlung kann ein Knackpunkt sein. Das Wichtigste ist zunächst, beim Hausarzt oder beim Facharzt organische Ursachen der Beschwerden auszuschließen. Der nächste Schritt wäre dann, die Verspannungen zu behandeln und zu beobachten, ob sich die Beschwerden dadurch verändern. Meist ist dabei schon eine Verbesserung spürbar. Der spezialisierte Physiotherapeut oder Osteopath sollte unbedingt, außer am Kiefer zu arbeiten, die mit dem Kauapparat in Verbindung stehenden Muskel-Faszienketten komplett durchgehen. Ansonsten wird die Kiefermuskulatur nicht wirklich zur Entspannung kommen oder der Erfolg wird nach einer Weile wieder dahin sein. Dazu kann es gehören, die Körperhaltung ins Lot zu bringen und das Nervensystem zu regulieren. Anschließend oder zeitgleich sollten sich die Patienten an einen auf CMD spezialisierten Zahnarzt wenden. Er kann anhand verschiedener zusätzlicher Tests erkennen, ob Fehlstellungen im Kiefer, falsche Füllungen, schiefe oder fehlende Zähne schuld an einer Fehlfunktion im Kiefer sind und bei Bedarf die zahnärztliche CMD-(Schienen-)Therapie einleiten.

Der Patient selbst darf in der interdisziplinären Zusammenarbeit als wichtigstes Glied für einen nachhaltigen Erfolg nicht vergessen werden. Besonders den alltäglichen Einfluss der Lebensweise lohnt es zu beleuchten und gegebenenfalls anzupassen, wie ich bereits erläutert habe. Schließlich gibt es noch zahlreiche Übungen, die Betroffene zu Hause selbst ausführen können, um die verspannten Kaumuskeln wieder zu lockern und die Beweglichkeit im Kiefer wieder herzustellen. Zu beiden Themen habe ich im kürzlich erschienen Buch „Kiefer gut, alles gut“ viele Aspekte aufgegriffen.

Häufig verschreiben Zahnärzte ihren Patienten eine Bissschiene, um die Zähne zu schützen und eine vorübergehende Linderung zu verschaffen. Ist das der falsche Weg?

Dr. Torsten Pfitzer Eine einfache Bissschiene verhindert Auswirkungen des Knirschen und Pressens, wie den Abrieb vom Zahnschmelz. Sie kann im Einzelfall für leichte Entlastung des Kiefergelenkes sorgen, aber eigentlich ist sie nur eine Schutzschiene. Teilweise hat das auch den Effekt, dass weniger Knirschen zustande kommt, ein therapeutisches Schienensystem ist diese Schutzschiene aber nicht. Das Zähneknirschen und -pressen wird vom Patienten nicht so sehr als Problem gesehen. Es ist so weit verbreitet, das „macht man halt“ ohne die wahren Ursachen oder Konsequenzen zu kennen. Dann bekommt man standardmäßig eine Knirschschiene verpasst – und weiter wird leider oft nicht untersucht oder gehandelt, wie ich oft von Patienten erfahre. Der Patient wird nur selten aufgeklärt, dass es zunächst nur eine Schutzschiene ist und weitere Behandlungsmöglichkeiten notwendig sind. Hierzu müsste der Patient entsprechend zu Spezialisten überwiesen werden.

Eine CMD-Behandlung ist ein langwieriger Prozess, der üblicherweise über mehrere Monate geht. Während der Physiotherapie muss die Schiene entsprechend der entspannteren Kieferposition immer wieder angepasst, abgeschliffen oder aufgebaut werden. Hier kommt wieder die interdisziplinäre Zusammenarbeit ins Spiel.

Was würden Sie sich von den Zahnärzten wünschen?

Dr. Torsten Pfitzer Dass auch die nicht auf CMD spezialisierten Zahnärzte über den Tellerrand der einfachen Knirschschiene hinausblicken und gegebenenfalls zu Spezialisten im ärztlichen und therapeutischen Bereich verweisen. Hier kann der Patient nicht nur bezüglich der Ursachen und Folgen fachmännisch aufgeklärt werden, sondern auch eine spezifische Untersuchung und Behandlung stattfinden. Ein wesentlicher Aspekt ist eben, dass der übliche Patient denkt, mit der Schiene sei alles getan – und es ist ihm nicht bekannt, dass er noch mehr Maßnahmen ergreifen kann und sollte, damit es ihm besser geht. Meist ist den Patienten die Problematik überhaupt nicht bewusst, geschweige denn, dass sie beispielsweise ihre Rückenschmerzen auf diese Kauapparatsstörung zurückführen würden. Hier müssen wir alle – auch Ärzte anderer Disziplinen und Therapeuten – zum Wohle des Patienten besser aufklären.

Ihr Buch „Kiefer gut, alles gut“, das Sie bereits angesprochen haben, ist im Juni im riva-Verlag erschienen. An wen richtet es sich?

Dr. Torsten Pfitzer Es soll von CMD betroffenen Menschen helfen, ihre Kompetenz in Sachen CMD auszubauen – sowohl was das Verständnis als auch das praktische Tun anbelangt. Der Großteil meiner Patienten ist tatsächlich sehr aufgeschlossen für Übungen und Anleitungen zu Maßnahmen im Alltag. Denn die Möglichkeit der Selbstbehandlung bedeutet gleichzeitig, die Kontrolle über die Beschwerden zurückzugewinnen. Die Unterstützung durch Ärzte und Therapeuten ist wichtig und richtig, keine Frage. Aber den größten Einfluss auf seine Gesundheit hat nun mal jeder selbst. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich diesen Ratgeber vorwiegend für Patienten geschrieben.

Nun ist es mir bei meiner Arbeit enorm wichtig, nicht isoliert symptomspezifisch zu arbeiten, sondern den Menschen als Ganzes zu betrachten und die Therapie über unterschiedliche Fachdisziplinen ganzheitlich auszurichten. Demnach sind selbstverständlich auch Zahnärzte, Kieferchirurgen sowie Kollegen aus der Allgemeinmedizin, Orthopädie, Sportmedizin, Physiotherapie und Osteopathie eingeladen, sich diesen Ratgeber anzusehen. Ich bin mir sicher, dass auch ihnen dieses Buch – für sich selbst und für ihre Patienten – neue und wertvolle Impulse im Umgang mit der CMD gibt.

Herr Dr. Pfitzer, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

 

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