Mundgesundheitskompetenz

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Dr. Julian Schmoeckel und Prof. Dr. Christian H. Splieth

Erfolgsfaktor kinderzahnärztlicher Kariesprävention

Eine gute Mundgesundheitskompetenz und auch eine starke Patientenadhärenz erscheinen aus naheliegenden Gründen als essentielle Grundbedingung für eine gute Mundgesundheit. So wird angenommen: Nur wer darauf achtet und weiß „wie man sich die Zähne putzt“ und nur wer die mit dem Zahnarzt besprochenen Präventions- beziehungsweise Therapiepläne befolgt, kann auch gesunde Zähne haben. Doch ist dies bei Kindern wirklich so? Und wie sollte die Kariesprävention bei Kindern zukünftig aufgebaut sein, um die Präventionserfolge, die bereits im bleibenden Gebiss erzielt werden konnten, auf die Milchzähne zu übertragen.

Was bei Erwachsenen als selbstverständlich erscheint, kann nicht automatisch auf Kinder übertragen werden, denn in der Kinderzahnmedizin haben wir es mit den spezifischen altersbedingten Herausforderungen der jungen Patienten zu tun. Frühkindliche Bildung von „Mundgesundheitskompetenz“ orientiert sich vermutlich an familiären Vorbildern, zu denen die engsten Bindungen bestehen – im Positiven wie im Negativen. Im späteren Verlauf der Entwicklung kommen weitere soziale Orientierungsgrößen wie Peer-Groups etc. hinzu. Dabei können die Peer-Group- Präferenzen durchaus positive Motivationen für Zahnpflege und Achtsamkeit dem eigenen Körper gegenüber zeigen. Das heißt, die Mundgesundheitskompetenz des kindlichen Patienten hängt wahrscheinlich stark von den sozialen Vorbildern und Präferenzen seiner Lebenswelt ab.

Die Gruppenprophylaxe bietet deshalb mit den Setting-Ansätzen – dem „Einschleusen“ von Fähigkeiten und Motivationen zur regelmäßigen Mundhygiene in die unmittelbaren Lebensumfelder wie Schule und Kita – potentielle ergänzende Ansatzpunkte, da über das Zähneputzen in der Regel auch Fluoride als die wirksamste evidenzbasierte Maßnahme in der Kariesprävention in die Mundhöhle gelangen. Dabei ist eine nichtdiskriminierende und dennoch risikoorientierte Prävention im sogenannten „proportionalen Universalismus*“ möglich. Bei der Individualprophylaxe kann Kariesprävention selbstverständlich sehr individuell erfolgen, doch besteht hier zunächst die Barriere, dass die Kinder in die Zahnarztpraxis kommen, was an sich eine gewisse Motivation der Eltern zum Gesunderhalt der Zähne bedingt oder erst bei Schmerzsymptomatik erfolgt.

Bezüglich des Anteils einer gut ausgebildeten kindlichen Mundgesundheitskompetenz an erfolgreicher Kariesprävention ergibt sich ein gemischtes Bild, wie später noch ausführlich gezeigt wird. Betrachtet man den eindrucksvollen Kariesrückgang der letzten Jahrzehnte bei Jugendlichen, so besteht unter Experten weitgehend Konsens darüber, dass vor allem verhaltensunabhängige Maßnahmen wie Fluoridzusatz zur Zahnpasta, Lokalfluoridierungen und Fissurenversiegelungen für diesen Erfolg verantwortlich waren. 2,3 Es ist jedoch anzunehmen, dass beides ohne eine gewisse häusliche Mitarbeit der Patienten und eine Adhärenz bezüglich der Termintreue und Inanspruchnahme der zahnärztlichen Behandlungen nicht möglich gewesen wäre.

Ziele der Kinderzahnheilkunde

Das wesentliche Ziel der Kinderzahnheilkunde ist die Ermöglichung einer möglichst hohen mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität, die im kinderzahnärztlichen Kontext durch gesunde Zähne beziehungsweise Mundgesundheit und durch eine positive Beziehung zum Zahnarzt(besuch) gekennzeichnet ist.

Karieserfahrung bei 3-Jährigen

Aktuelle nationale repräsentative Daten zur Kariesprävalenz und -erfahrung bei 3-Jährigen in Kindertagesstätten existieren aus verschiedenen Bundesländern: Der jeweilige mittlere dmft- Wert** in den zehn Regionen/Bundesländern, die an der aktuellen DAJ-Studie teilnahmen, liegt zwischen 0,38 und 0,58. 4 Im Alter von drei Jahren haben bereits circa 14 Prozent der Kinder kariöse Defekte im Milchgebiss (Abb. 1), was sich unter Einschluss der Initialläsionen auf circa 19 Prozent erhöht. 4 Kinder mit Karieserfahrung (dmft > 0) wiesen dabei im Mittel einen vergleichsweise hohen dmft-Wert von 3,6 auf, was die starke Polarisierung des Kariesbefalls beschreibt – einer großen Gruppe von Kindern ohne jegliche Karies steht eine kleine Gruppe mit hoher Karieslast (etwa 5 Prozent mit dmft ≥ 4, Abb. 1) gegenüber. Zudem war auch nur circa ein Viertel der kariösen Zähne in dieser Altersgruppe versorgt. 4 Die altersbedingte geringe Kooperationswilligkeit und -fähigkeit sind dafür wohl wesentliche Faktoren und führen bei 3-Jährigen mit hohem Kariesbefall nicht selten zu einer zahnärztlichen Sanierung unter Narkose.

* Proportionaler Universalismus: „Um dem sozialen Gefälle im Gesundheitsbereich seine Steilheit zu nehmen, müssen universelle Maßnahmen getroffen werden, jedoch in einem Umfang und mit einer Intensität, die proportional zum Grad der Benachteiligung verlaufen.” 1
** dmft und DMFT: Der mittlere dmft-Wert gibt die durchschnittliche Zahl kariöser, fehlender und gefüllter Zähne pro Kind in einer untersuchten Gruppe an. Für das Milchgebiss wird die Schreibweise „dmft“ verwendet, für die bleibende Dentition „DMFT”. Mit Hilfe dieses Index wird somit die Karieserfahrung angegeben. Der mittlere dmft beziehungsweise DMFT zeigt also den Grad der Zahngesundheit einer Gruppe an.

Im zeitlichen Verlauf existieren leider keine nationalen Kariesdaten, aber Daten zur Kariesprävalenz aus Brandenburg deuten auf eine minimale Reduktion bei 3-Jährigen in einen Zeitraum von zehn Jahren, von circa 17 Prozent im Jahr 2006 auf etwa 14 Prozent im Jahr 2016, hin. 5

Karieserfahrung bei 6- bis 7-Jährigen

Die 6- bis 7-jährigen Kinder in der ersten Klasse hatten laut der oben genannten aktuellen repräsentativen deutschlandweiten Studie im Schuljahr 2015/16 eine mittlere Karieserfahrung von 1,7 dmft (Abb. 2), wobei circa 56 Prozent der Kinder auf Defektniveau kariesfrei (dmft = 0) waren, die Kariesprävalenz im Milchgebiss betrug also 44 Prozent. Zudem ergab die mittlere  Karieserfahrung des Drittels der Kinder mit der höchsten Karieserfahrung (SiCdmft) sogar 4,8 dmft. Außerdem waren etwa 43 Prozent der kariösen Milchzähne bei den 6- bis 7-Jährigen nicht saniert. 4 Das bedeutet, dass fast jeder zweite Grundschüler bereits bei Einschulung Karieserfahrung an Milchzähnen aufweist, die dann oft vier bis fünf Milchzähne betreffen und nur knapp zur Hälfte saniert sind.

Karieserfahrung bei 12-Jährigen

Die mittlere Karieserfahrung bei 12-Jährigen hat seit den ersten beiden Deutschen Mundgesundheitsstudien (DMS I/2, 1989/92) bis zur DMS V (2014) um ungefähr 90 Prozent abgenommen 6 (vgl. DAJ-Studien: Abnahme des DMFT um circa 80 Prozent von 1995 bis 2016, Abb. 3). 4 Der Unterschied in der mittleren Karieserfahrung zwischen alten und neuen Bundesländern hat sich auf 0,2 DMFT reduziert (alte Bundesländer: 0,4 DMFT vs. neue Bundesländer: 0,6 DMFT). 6 Auch in der fast zeitgleich durchgeführten DAJ-Studie ergab sich trotz anderer Methodik (Untersuchung  in der Schule) das gleiche Bild (Tab. 1). Die 12-Jährigen in der sechsten Klasse wiesen im Schuljahr 2015/2016 eine mittlere Karieserfahrung von 0,4 DMFT auf, wobei 79 Prozent der Kinder auf Defektniveau kariesfrei (DMFT = 0) waren. So betrug die mittlere Karieserfahrung der Kinder mit Karieserfahrung (Kinder mit DMFT > 0) bereits 2,1 DMFT. Etwa 30 Prozent der kariösen bleibenden Zähne bei den 12-Jährigen war nicht saniert. 4

Verteilung von Karies bei 12-Jährigen nach Sozialstatus/Bildung, Inanspruchnahme, und Selbstwirksamkeitsüberzeugung

In der Referenzaltersgruppe der 12-Jährigen ist trotz des deutlichen Kariesrückgangs vor allem die sozial ungleiche Verteilung bemerkenswert. So haben Kinder mit niedrigem Sozialstatus im Schnitt 0,7 DMFT, während Kinder mit hohem Sozialstatus im Schnitt mit 0,3 DMFT nur knapp halb so viele Zähne mit Karieserfahrung aufweisen. 6 Dies deckt sich auch mit den aktuellen Daten zur Karieserfahrung bei 12-Jährigen in der sechsten Klasse beispielsweise aus Sachsen-Anhalt in Abhängigkeit vom besuchten Schultyp. So hatten Gymnasiasten und Gesamtschüler im Schnitt 0,3 DMFT, während 12-Jährige an der Sekundarschule etwa doppelt (0,7 DMFT) und Sonderschüler mit 1,2 DMFT sogar vierfach höhere Karieswerte aufwiesen. 4 Ähnlich deutliche Unterschiede im mittleren DMFT in Abhängigkeit vom besuchten Schultyp sind in allen Bundesländern zu verzeichnen.

Auch die Art der Inanspruchnahme zahnärztlicher Leistungen korreliert mit der Karieserfahrung: So weisen 12-jährige Kinder mit beschwerdeorientiertem Zahnarztbesuch mit 0,8 DMFT im Schnitt eine doppelt so hohe Karieserfahrung auf wie Kinder mit kontrollorientierter Inanspruchnahme (0,4 DMFT). 6 Die Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern liegt mit circa 82 Prozent bemerkenswert hoch. 6 Hingegen gab nur etwa jedes zweite Kind (45 Prozent) an, die Empfehlungen zur Zahnpflege zu kennen und ein gutes Zahnputzverhalten zu haben. 6 12-Jährige scheinen jedoch im Wesentlichen den Grad ihrer Mundgesundheit gut einschätzen zu können. Kinder, die einen sehr guten oder guten Zustand der Zähne angaben, hatten auch signifikant (p > 0,001) kleinere DMFT-Werte als Kinder, die ihre Zähne als weniger gut oder schlecht beschrieben (IDZ 2016, Tab. 2). Zudem bewertet ein höherer Anteil der Kinder bei DMFT = 0 ihre  Mundgesundheit als gut/sehr gut (69,9 Prozent) im Vergleich mit Kindern mit Karieserfahrung (57,7 Prozent beziehungsweise 47,3 Prozent, Tab. 3).6

Die Selbstwirksamkeitsüberzeugung beschreibt die Grundüberzeugung einer Person, aufgrund eigener Fähigkeiten Gewünschtes erfolgreich selbst ausführen zu können 7 und so zum Beispiel selbst nachhaltig die eigene Zahngesundheit beeinflussen zu können. Die Selbstwirksamkeitsüberzeugung scheint auch einen Einfluss auf die Karieslast zu haben. So antworteten 5,5 Prozent der Kinder mit hoher Karieserfahrung im Vergleich zu Kindern ohne Karieserfahrung (1,7 Prozent), dass sie wenig oder nichts für ihre Zahngesundheit tun können. Interessanterweise ist der Anteil an Kindern die zustimmen, dass sie „sehr viel“ oder „viel“ für die Gesundheit der Zähne tun können, unabhängig von der Karieserfahrung erstaunlich hoch > 84 Prozent (Tab. 4). 6

Erfolge und Evidenz in der Kariesprävention

Die wissenschaftliche Literatur zum Kariesrückgang weist aus, dass Karies zwar ätiologisch auch durch einen hohen Zucker- beziehungsweise Kohlenhydratkonsum bedingt ist, der Schlüssel zu einer erfolgreichen Kariesprävention aber eher bei kompensatorischen Maßnahmen wie Fluorideinsatz in Kombination mit regelmäßiger Plaque-Entfernung, also zum Beispiel dem täglichen Zähneputzen mit Fluoridzahnpasta liegt. Experten sind sich schon lange einig, dass Fluoride wohl die wirksamste Maßnahme in der Kariesprävention darstellen. 3, 8

Der Einsatz von Fluoriden unter anderem über Gelees beziehungsweise -lacke sowie die Applikation von Versiegelungen werden als hochwirksam in der Kariesprävention beschrieben. 9, 10 Beide Maßnahmen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die Hauptursachen für den beeindruckenden Kariesrückgangbei 12-Jährigen in Deutschland. Das bedeutet, dass die in Deutschland gesetzlich verankerte Individualprophylaxe für Kinder und Jugendliche (inklusive Versiegelungen) in Kombinationmit der an vielen Schulen stattfindenden Gruppenprophylaxe wohl wesentlich zu den drastischen Senkungen der Karieslast in dieser Altersgruppe beigetragen hat. Der Aspekt der Adhärenz und Selbstwirksamkeit sowie der Einfluss auf die regelmäßige Durchführung von Mundhygienemaßnahmen mit fluoridhaltiger Zahnpaste ist dabei wohl nicht zu unterschätzen. 6

Das Beispiel der Kariesprävention im permanenten Gebiss bei Kindern zeigt, dass sich beim konsensualen Zusammenspiel möglichst vieler Akteure wahrscheinlich für alle Altersgruppen und Sozialschichten beeindruckende Reduktionen von Karies und nachfolgend wohl auch von Parodontopathien erzielen ließen. Dieses erfolgreiche Vorgehen könnte als Blaupause für das Milchgebiss herangezogen werden. Es ist anzunehmen, dass die Adhärenz und Motivation hier ähnlich gut sein könnten, weil dieselben Akteure (also Eltern, Kinder, Zahnärzte etc.) beteiligt sind.

In der bislang umfangreichsten Studie zur Evaluation von  Wirksamkeit in der Prävention zur selektiven Intensivprophylaxe (SIP) mit einer Prüf- und Vergleichsgruppe zeigt sich, dass die durchgeführten Intensivprophylaxemaßnahmen hochwirksam in Bezug auf die mittlere Karieserfahrung sind. 11 Es sei  davon auszugehen, dass die „viermalige Fluoridierung pro Jahr – eine verhaltensunabhängige Maßnahme – wichtigstes Element der SIP“ sei. 11 Der Autor schlussfolgert für die untersuchte Risikogruppe zudem: „Mundhygieneverhalten und das Gesundheitswissen scheinen dagegen durch die SIP weitgehend unbeeinflusst“. Doch sozio-ökonomische Faktoren beziehungsweise der Bildungshintergrund der Eltern seien wesentlich mit der Zahngesundheit, aber auch mit psychologischen Zielgrößen assoziiert. 11

Zusammenfassend bedeutet dies, dass vergesellschaftet mit dem sozio-ökonomischen familiären Hintergrund primär der Parameter „Selbstwirksamkeitsüberzeugung“, also deren Vorhandensein oder Fehlen, über die Zuordnung zur Kariesrisikogruppe entscheidet und diese Überzeugung durch pädagogische Module sehr schwer verändert werden kann, aber dies in der präventiv  ausgerichteten Kinderzahnheilkunde bei Kindern durch regelmäßige Fluoridapplikationen kompensatorisch ausgeglichen werden kann. Die Zahngesundheit in der Kindheit ist also nicht  ausschließlich von der Mundgesundheitskompetenz abhängig, sondern kann bei Therapietreue durch Fluoride in der Gruppen- oder Individualprophylaxe aufgefangen werden. Eine solche  Kompensation fehlender Mundhygiene beziehungsweise Selbstwirksamkeitsüberzeugungen durch zahnärztliche Maßnahmen wie die Fluoridlackapplikation und Fissurenversiegelung führt bei Kindern zwar zu wahrnehmbaren Verbesserungen, dürfte jedoch tatsächlich nur als kompensatorische Lösungsstrategie begriffen werden und über die gesamte Lebensspanne wohl daher nur begrenzt erfolgreich sein.

Herausforderung: Karies im Milchgebiss

Die vergleichsweise hohe Karieslast bei Kleinkindern erscheint als ein bereits seit längerem bestehendes Problem, das erst in den letzten Jahren in den Fokus der Aufmerksamkeit gelangt ist. Im Gegensatz zu Präventionsmaßnahmen im bleibenden Gebiss weisen kariesprophylaktische Maßnahmen für das Milchgebiss in Deutschland sowohl bei der häuslichen Prävention als auch bei der Kollektiv-, Gruppen- und Individualprophylaxe deutliche Lücken auf.

Die wissenschaftliche Evidenz zu wirksamen Maßnahmen in der Kariesprävention ist klar (siehe oben), das heißt, es existiert kein Erkenntnisproblem, sondern ein Problem in der Umsetzung. 12 Die Herausforderung ist also die Implementierung wirksamer Maßnahmen über die politischen Strukturen ins tägliche Leben, um die Mundgesundheit von Kindern aller sozialen Schichten in Deutschland zu verbessern.

In den letzten Jahren sind strukturelle und konzeptionelle Bemühungen, diese Herausforderung anzugehen, deutlich erkennbar. So haben die Politik mit dem Präventionsgesetz (2015), der GBA mit der Überarbeitung der Kinderrichtlinie (2016), mit dem sogenannten gelben U-Heft (Kinderuntersuchungsheft), das nun erstmalig sechs rechtsverbindliche Verweise vom Kinderarzt zum Zahnarzt für Kinder enthält, Krankenkassen über Selektivverträge, die niedergelassenen Zahnärzte/innen über die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und Bundeszahnärztekammer mit einem ECC-Leitfaden 13 sowie die DAJ mit Konzepten für die Gruppenprophylaxe bei Krippenkindern 14 reagiert. Jetzt fehlt nur noch die konsequente Umsetzung der evidenzbasierten wirksamen Maßnahmen über möglichst viele Akteure im Gesundheitssektor. Damit bestehen ausgezeichnete theoretische Konzepte und gesetzliche Strukturen für eine erfolgreiche,  bevölkerungsweite Kariesprävention bei Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Gruppenprophylaxe nach § 21, SGB V.

Mögliche Gründe für hohe Karieswerteim Milchgebiss

Über die genauen Gründe für die hohen Kariesraten im Milchgebiss in Deutschland lässt sich nur spekulieren. Es liegt jedoch nahe, dass folgende Faktoren dabei eine Rolle spielen:

• verhältnismäßig niedriger Fluoridgehalt von Kinderzahnpaste (500 ppm) in Deutschland (das heißt niedriger häuslicher Einsatz von Fluoriden)
• niedriger/seltener Fluorideinsatz bei Kleinkindern in der Gruppenprophylaxe 15 und auch in der Individualprophylaxe
• fehlende zahnärztliche Individualprophylaxe im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen für Kinder unter zweieinhalb Jahren, beziehungsweise reduzierter Maßnahmenkatalog für Kinder unter sechs Jahren
• hohe Anzahl an zuckerhaltigen Lebensmitteln/Getränken, die insbesondere für Kinder angepriesen werden
• verbreitete häusliche Gabe von zuckerhaltigen Getränken (Säfte, etc.) über die Nuckelflasche
• schwierige Erreichbarkeit von Kleinkindern aufgrund einer niedrigen Betreuungsquote in Kinderkrippen
• eine sich noch im Aufbau befindliche Struktur der Gruppenprophylaxe in Kinderkrippen/Kitas
• fehlende, flächendeckende, universitäre Ausbildung im Bereich Kinderzahnheilkunde (nur 5 von 30 Universitäten mit Lehrstühlen für Kinderzahnheilkunde): Damit werden die Inhalte bezüglich der Therapie im Milchgebiss häufig nicht adäquat abgebildet. 16
• kaum wirksame Prävention durch Pädiater bei Kindern zwischen 0 und 3 Jahren. Nicht selten wird noch die Fluoridtablette verschrieben 17, anstelle von Mundhygieneempfehlungen mit Fluoridzahnpasta.

Potentiale zur weiteren Verbesserung der Mundgesundheit im Milchgebiss

Häusliches Setting

• Einführung von Kinderzahnpaste mit 1.000+ ppm Fluorid für Kinder ab zwei Jahren entsprechend der europäischen Empfehlungen 18
• Zähneputzen ab dem ersten Zahn mit fluoridhaltiger Zahnpaste durch die Eltern

Individualprophylaxe

• Implementierung von zahnärztlichen Frühuntersuchungen und Unterweisungen beim Zahnarzt ab dem sechsten Lebensmonat: Der Verweis im gelben U-Heft zielt unter anderem darauf ab, den Anteil an Kleinkindern in Zahnarztpraxen zur frühzeitigen Untersuchung und Prophylaxe zu erhöhen.
• kompensatorische Fluoridapplikationen bei Kindern mit Kariesrisiko (bei Kleinkindern zum Beispiel Initialkaries am Milchzahn als Kariesrisikomarker)
• gegebenenfalls Versiegelungen von Milchmolaren bei Bestehen von kariösen Initialläsionen in Fissuren
• Veränderung des Bewusstseins von reparativer Zahnmedizin hin zu präventiver Zahnmedizin auch im Milchgebiss
• Training der Eltern für die häusliche Mundhygiene beim Kleinkind

Gruppenprophylaxe

• Flächendeckende Umsetzung inklusive Erfassung und Qualitätsmanagement des Konzeptes für unter 3-Jährige 14, um die Kulturtechnik des Zähneputzens mit fluoridhaltiger Zahnpaste täglich in der Kita abzusichern und das Training der Eltern am eigenen Kind zu ermöglichen
• Der gemeinsame Risikofaktoren-19 und Setting-Ansatz als aufsuchende Betreuung bietet ein fundiertes Konzept, um das sozio-ökonomische Wirkungsgefüge im Rahmen der Gruppenprophylaxe kariespräventiv zu adressieren.
• Vorteilhaft ist, dass kein primärer Antrieb der „Klienten“ nötig ist, so dass mitunter die verbliebene Risikogruppe mit wohl meist niedrigerem Sozialstatus über „Risikoeinrichtungen“ adressiert werden kann.
• Vernetzung mit anderen Präventionsverantwortlichen oder Ämtern

Der zurzeit begonnene Ansatz der Vernetzung vieler Akteure vom Verweis durch Pädiater (oder Hebammen) zum frühen Zahnarztbesuch (gelbes U-Heft), Gruppenprophylaxe in Kitas sowie der Individualprophylaxe scheint vielversprechend. Vor allem die Gruppenprophylaxe hat über den Setting-Ansatz ein großes Potential, allerdings müssen dann wirksame Maßnahmen wie regelmäßiges Zähneputzen mit Fluorid auch über die Erzieher und professionelle Fluoridapplikation strukturiert eingesetzt und evaluiert werden.

Dieser vorgestellte Maßnahmenkatalog könnte zu einer deutlichen Senkung des Kariesbefalls im Milchgebiss bei der Mehrheitsbevölkerung führen, so dass viele Narkosebehandlungen bei Kleinkindern aufgrund von Zahnbehandlungen und invasive Zahnbehandlungen bei Kleinkindern im Allgemeinen vermieden werden. So rückt das Ziel näher, dass ein Großteil der Kinder zukünftig ein kariesfreies Milchgebiss aufweist (Abb. 4). Kinder, Eltern und Zahnärzte haben gezeigt, dass sie dies für die bleibenden Zähne erreichen können. Diese Selbstwirksamkeit der großen Mehrheit der Bevölkerung muss somit eigentlich „nur“ auf die Kariesprävention im Milchgebiss ausgedehnt werden.

Fazit

Mundgesundheitskompetenz und Patientenadhärenz sind prinzipiell auch in der Kinderzahnheilkunde wichtige Erfolgsfaktoren für Prävention und Therapie. In der Praxis zeigen sich jedoch alters- und entwicklungsbedingte Limitationen bei den kleinen Patienten. In den Karieshochrisikogruppen kommen zusätzliche Problematiken sozialer und kultureller Natur hinzu, die einer positiven Entwicklung der kindlichen Kompetenzen entgegenstehen können. Die Zahnmedizin verfügt glücklicherweise über hochwirksame Präventions- beziehungsweise  Behandlungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Fluoride oder Versiegelungen, die Kompetenzdefizite für eine gewisse Zeit zu weiten Teilen ausgleichen können. Das zeigen insbesondere die Erfolge der selektiven Intensivprophylaxe bei Problemgruppen.

So werden die vom Gesundheitsverhalten des Kindes weitgehend unabhängigen Maßnahmen auch eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung der Karies im Milchzahngebiss spielen müssen, wenn nachhaltig Erfolge erzielt werden sollen. Engmaschige Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung kariöser Läsionen inklusive Präventionsmaßnahmen, zusätzliche Fluoridapplikationen bei Kariesrisikokindern (in Individual- und Gruppenprophylaxe) und gegebenenfalls Versiegelungen von Milchmolaren sind hier zu nennen. Wichtig bleiben andererseits auch Maßnahmen wie ein Training der Eltern in Mundhygiene beim Kleinkind, damit im häuslichen Setting das Zähneputzen ab dem ersten Zahn mit fluoridhaltiger Zahnpasta gefördert wird. Eine implementierte tägliche Routine des Zähneputzens mit fluoridhaltiger Zahnpasta bleibt trotz kompensatorischer Behandlungsmöglichkeiten wohl unersetzlich für eine dauerhaft gute Mundgesundheit.

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