Intraoralscan – noch immer viele Vorurteile

Dr. Ingo Baresel
Dr. Ingo Baresel

Man schätzt heute, dass erst circa 7 bis 9 Prozent der deutschen Zahnärzte einen Intraoralscanner in ihrer Praxis benutzen. Diese geringe Anzahl hat einige Gründe. Die Vorbehalte werden im folgenden Artikel näher beleuchtet und entkräftet.

Die möglichst genaue Abformung und Darstellung der klinischen Situation bildet die Grundlage einer prothetischen Rehabilitation und einer kieferorthopädischen Therapie. Dabei ist die konventionelle Abformung immer noch Standard in der täglichen Praxis. Sie ist jedoch mit zahlreichen material- und methodenbedingten Fehlerquoten behaftet. Nach Luthardt werden nur zwischen 50 bis 60 Prozent der konventionellen Abformungen für festsitzenden Zahnersatz als klinisch akzeptabel eingestuft. 1 Nach Christensen sind sogar 89 Prozent fehlerhaft. 2 Auch die nach den Abformungen erstellten Modelle, die bei der Herstellung von CAD/CAM-Restaurationen im Dentallabor ein weiteres Mal mit einem Laborscanner abgeformt werden, weisen aufgrund der werkstofflichen und haptischen Bedingungen weitere Fehlermöglichkeiten auf. Damit ist also jedes virtuelle Modell, das auf Basis dieses Arbeitsprozesses erzeugt wird, ungenau.

Computergestützte Technologie als Garant für Qualität

Die computergestützte Technologie soll die Zuverlässigkeit, Präzision und Sicherheit bei der Fertigung von Zahnersatz und Modellen erhöhen. Sie ermöglicht heutzutage die Arbeitsabläufe
zu standardisieren und die systemimmanenten Ungenauigkeiten der konventionellen Abformung zu eliminieren. Weniger Behandlungs- und Arbeitsschritte bedeuten auch weniger Fehlerquellen. Die Einführung intraoraler optischdigitaler Erfassungsgeräte stellt demnach eine logische Konsequenz des CAD/CAM-Fertigungsprozesses dar. Aber warum sind Intraoralscanner bislang
immer noch in so wenigen Praxen im Einsatz?

Die Vorbehalte gegenüber dieser digitalen Geräte ergeben sich zunächst aus der Historie der digitalen Abformung, denn das Konzept, den Mund eines Patienten digital zu scannen und Restaurationen aus dieser digitalen Information zu fertigen, ist nicht neu. Schon 1985 kam das CEREC-System auf den Markt, das lange Zeit keine zufriedenstellenden Ergebnisse liefern konnte und somit dem Ruf der digitalen Abformung nachhaltig beeinflusst hat. Zu Beginn handelte es sich bei den daraus hergestellten Restaurationen, die alle chairside gefertigt wurden, häufig um Makrofüller in einem Kunststoffbett. Aus der Tradition des CEREC-Systems heraus denken deshalb viele Zahnärzte nach wie vor, sie müssten nach einer digitalen Abformung zwanghaft auch chairside, also direkt am Patienten, eine Restauration herstellen. Dies ist ein Irrglaube. Alle Systeme sind heute dazu geeignet selbst zu entscheiden, ob man die Werkstücke chairside oder labside herstellen möchte.

„Digitale Abformungen sind ungenau“

Der größte Irrtum liegt außerdem darin, dass noch immer Zweifel an der Genauigkeit von digitalen Abformungen herrschen. Schon die erste Jahrestagung der DGDOA 2015 befasste sich mit dem Thema der Präzision und Genauigkeit von digitalen Abformungen. Es herrschte klarer Konsens unter den Referenten, dass die digitale intraorale Abformung der klassischen Abformung in diesen Punkten inzwischen überlegen ist. Auch eine Untersuchung der DGDOA, die 27 Studien zur Präzision und Genauigkeit digitaler Abformungen mit dem konventionellen Vorgehen verglich, kam zu diesem Ergebnis. Dieses gilt für Einzelzahnrestaurationen, Brücken oder Einzelzahnimplantatarbeiten. Inzwischen ist durch zahlreiche Studien nachgewiesen, dass auch die Abformung des ganzen Kiefers mittels eines Intraoralscanners den eines konventionellen Abdrucks zumindest entspricht, häufig auch hier genauer ist. Eine Untersuchung des zahntechnischen Labors Stroh & Scheuerpflug aus Ansbach 2016, die über vier Jahre circa 2.500 digital abgeformte Restaurationen mit Restaurationen aus konventioneller Abformung vergleicht, zeigt deutlich: Die Notwendigkeit einer Neuanfertigung einer prothetischen Arbeit sank von circa 3,5 Prozent bei konventionellen Abformungen auf circa 0,5 Prozent bei digitalen Abformungen.

„Intraoralscanner? Brauch ich nicht.“ 

Des Weiteren sehen viele Zahnärzte noch nicht die Notwendigkeit, ihr bisher ihrer Ansicht nach funktionierendes System zu verlassen, einen neuen Workflow zu erlernen und in die Praxis zu integrieren. Dabei ignorieren sie die vielen neuen Möglichkeiten, die Intraoralscanner bieten, um die Qualität der prothetischen Arbeit zu verbessern. Eine Option ist, Scans anzufertigen und diese bei Bedarf nachzubearbeiten oder in Teilen neu scannen zu können. Da man das Scanergebnis überdimensional groß auf dem Monitor beurteilen kann, verbessert sich nicht nur die Qualität der Abformung, sondern auch die der Präparation enorm. Zudem bieten Intraoralscanner mit Farbmodus zum einen eine Hilfe zur Festlegung der Präparationsgrenze. Durch Markieren und Mitscannen der Okklusionskontakte können diese ins Labor übertragen werden, sodass hier eine optimale Beurteilung der Okklusion erfolgen kann. Um dieses Okklusionsprotokoll ins Labor übertragen zu können, ist die Übertragungsmöglichkeit der Farbe in das Labor erforderlich. Dies ist nur bei einigen Scannern möglich, da das übermittelte STL-File keine Farbinformation enthält.

„Intraoralscanner sind zu teuer“

Natürlich ist auch die finanzielle Investition, die getätigt werden muss, für viele eine Abschreckung. Die Anschaffungskosten eines Intraoralscanners variieren je nach Modell zwischen 15.000 und 45.000 Euro. Bei einigen wenigen Herstellern fallen nach dem Kauf des Scanners keine weiteren Kosten mehr an. In der Regel werden jedoch monatliche oder jährliche Scan-Fees fällig, um das Gerät überhaupt betreiben zu können. Hiermit sind Kosten für Updates und Service abgedeckt. Die Honorierung durch die GOZ ist mit circa 64 Euro im 3,5-fachen Satz bei einem Scan aller Quadranten inklusive der Bissnahme überschaubar.

Doch darf man bei der finanziellen Betrachtung nicht vergessen, an welchen Stellen man Geld einspart. Hier sind vor allem die zuvor beschriebene geringere Anzahl an Neuanfertigungen, die Einsparungen an Material, die geringere Zeit der Vor- und Nachbereitung durch das Assistenzpersonal (Löffelreinigung, Sterilistation), die viel schnellere Erstellung der Abformung und die deutlich kürzere Eingliederungszeit einzuberechnen.

„Die digitale Abformung dauert länger“

Ein weiterer Irrglaube der Skeptiker von Intraoralscans ist, dass die Erstellung einer digitalen Abformung längere Zeit benötigt als die einer konventionellen. Dies – das muss man klar sagen – ist falsch. Ganzkieferabformungen benötigen heute nicht mehr als circa zweieinhalb bis drei Minuten, um hochpräzise Ergebnisse zu liefern. Dies beinhaltet den Scan des Präparationskiefers, des Gegenkiefers und die Bissnahme. Diese Zeitspanne ist mit konventionellen Mitteln nicht annähernd zu erzielen. Sollte die Geschwindigkeit nicht erreicht werden, ist dies nicht ein Problem des Intraoralscanners, sondern ein Zeichen mangelnder Übung und Erfahrung des Scannenden.

Allerdings gibt es bei der Geschwindigkeit, mit der ein Intraoralscanner die benötigten Daten aufnehmen kann, massive Unterschiede zwischen den einzelnen Geräten. Je nach Einsatzgebiet wird eine hohe Scangeschwindigkeit mehr oder weniger dringend benötigt. Gerade für kieferorthopädische Scans bei Kindern sollten relativ hohe Scangeschwindigkeiten möglich sein. Diese bedingen allerdings, dass das Handstück auch zügig über die zu scannende Region bewegt wird, da der Scanner sonst zu viele identische Daten sammelt, die das Ergebnis negativ beeinflussen können.

Neue Möglichkeiten

Viele Hersteller haben verstanden, dass es nicht sinnvoll ist, geschlossene Systeme, das heißt, Systeme, deren Daten nicht in jede beliebige weiterverarbeitende Software importiert werden können, anzubieten. Aus diesem Grund haben sie begonnen, mehr oder weniger offene Systeme zu schaffen, bei denen es möglich ist, die gescannten Daten zu exportieren, um sie in Programme anderer Softwarehersteller zu importieren. Auffällig hierbei sind die strategischen Allianzen vieler Unternehmen.

Auch in der Implantatprothetik stellt die digitale Abformung eine große Erleichterung für den Zahnarzt dar. Die Übertragung der Implantatsituation im Mund war mit konventionellen Methoden für Patienten und Zahnarzt häufig unkomfortabel und schwierig. Durch lange Übertragungspfosten war gerade im Molarenbereich das Entfernen der Abformung häufig schwierig. Zudem war die gleichzeitige Abformung von Implantaten und Zähnen durch Materialverziehungen oft nicht in allen Bereichen präzise, sodass Wiederholungen der Abformung nötig wurden. Diese Problematiken liegen bei der digitalen Abformung nicht vor. Der Scan des Emergenzprofils und des- sen Übermittlung ins zahntechnische Labor ist eine Möglichkeit, die zuvor nicht zur Verfügung stand und funktionell wie ästhetisch hochwertigere Ergebnisse ermöglicht.

Fazit

Die Vorteile des Intraoralscans liegen also auf der Hand. Es bedarf jedoch noch sehr viel Aufklärung und praktischen Erlebens, um die digitale Abformung weiter zu implementieren. Es steht außer Zweifel, dass die digitale Abformung die Abformtechnik der Zukunft ist. Es stellt sich heute somit häufig nicht mehr die Frage, ob ein Intraoralscanner in der Praxis eingesetzt werden soll, sondern nur noch welcher.

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